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Frankfurter Neue Presse vom 2. Mai
Frankfurt. Alessandro Petacchi blickte sich verzweifelt um. Wo ist Erik Zabel? Immer wieder drehte der Italiener den Kopf nach links und rechts. 350 Meter vor dem Ziel auf der Darmstädter Landstraße lag der weltbeste Sprinter an der Spitze des Feldes bei „Rund um den Henninger-Turm“. Doch Petacchi wollte nicht gewinnen.
Er wollte diesen Sieg seinem Milram-Teamkollegen Erik Zabel schenken und ihm für dessen Helferdienste in den vergangenen Wochen danken. Doch Zabel war nicht da. Zumindest nicht dort, wo er sich hätte befinden sollen. Eingeklemmt in fünfter Position blickte der Deutsche Hilfe suchend nach vorne. Da gab Petacchi auf. Der Italiener verlangsamte sein Tempo und blickte Zabel und Co. hinterher. Die schnellste Doppelspitze des Radsports, Petacchi und Zabel, hatte sich selbst geschlagen. Zabel, dreifacher Rekordsieger in Frankfurt, wurde nur Vierter und musste das Podest dem Überraschungs-Sprintsieger Stefano Garzelli (Italien) sowie den weiteren Deutschen Gerald Ciolek (Köln/Team Wiesenhof) und Danilo Hondo (Cottbus/Team Lamonta) überlassen. Kurz angebunden und sichtlich enttäuscht fuhr Zabel nach dem Zieleinlauf davon. Der 36-Jährige ist in dieser Saison ohne Sieg.
„Das ist ein sehr wichtiger Erfolg in meiner Karriere“, sagte Garzelli, der letztmals vor neun Monaten ein Rennen gewinnen konnte und sich als lachender Vierter feiern ließ. Garzelli, Gewinner des Giro d’Italia 2000 und mit 32 Jahren ein erfahrener Profi, gilt nicht als hausgemachter Sprinter. Doch mit zwei waghalsigen Spurwechseln im Finale hatte er seine Führung nach 190 Kilometern und 4:34:20 Stunden behauptet. 250 Meter vor dem Ziel klemmte er zunächst die heraneilenden Hondo und Zabel an der linken Fahrbahnseite etwas ein, danach fuhr er dem rechts aufkommenden deutschen Meister Ciolek etwas in die Quere.

Hondo beklagte nachher, er habe wegen des Manövers von Garzelli „abbremsen müssen“ und dadurch „viel Tempo verloren“. Doch Vorwürfe machen wollte er dem Italiener nicht. Zabel sagte nur, es sei im Sprint viel „von links nach rechts gegangen“. Zu viel, zumindest für die schmale Zielpassage.

Garzelli, von seiner italienischen Mannschaft Liquigas erst am Vortag des Rennens nachnominiert, schlug mit seinem finalen Coup den gesamten Favoriten ein Schnippchen. Allen voran die deutschen Teams T-Mobile und Gerolsteiner gingen komplett leer aus und erlebten bei der 45. Auflage des Frankfurter Traditionsrennen eine Enttäuschung. Für T-Mobile endete das Frühjahr ohne bedeutenden Sieg auf europäischem Boden. „Wir sind mit dem Frühjahr natürlich nicht zufrieden“, sagt Teamchef Olaf Ludwig.
Dabei war der Bonner Rennstall gestern nahe dran an seinem ersten großen Saisonerfolg. 120 Kilometer lang fuhr Patrik Sinkewitz aus Künzell bei Fulda gemeinsam mit dem Berliner Jens Voigt vom dänischen Team CSC an der Spitze des Feldes. Bereits 69 Kilometer nach dem Start hatte Sinkewitz an der Billtalhöhe attackiert. Drei Stunden lang schien das Duo, zu dem anfangs auch T-Mobile-Profi Steffen Wesemann gehörte, der jedoch durch einen Reifendefekt zurückgeworfen wurde, eine unglaubliche Alleinfahrt krönen zu können. Bis zu 2:20 Minuten betrug ihr Vorsprung. Auch auf der ersten der drei abschließenden 4,5-Kilometer-Runden um den Henninger-Turm lagen Sinkewitz und Voigt noch 34 Sekunden vor dem Feld. Doch zwei Kilometer vor dem Ziel wurde das bis zur Erschöpfung kämpfende Duo von den Verfolgern eingeholt (siehe gesonderten Text auf dieser Seite). „Am Ende mit leeren Händen dazustehen, ist natürlich traurig“, sagte Sinkewitz, „ich werde die Veranstalter fragen, ob wir nächstes Jahr eine Runde weniger um den Turm fahren können.“ Immerhin hatte der Hesse bei seinem Heimrennen „viele Freunde und Bekannte an der Strecke gesehen“.
Anfangs des Rennens hatten der Tscheche Lubor Tesar und der Niederländer Jens Mouris lange Zeit in Führung gelegen. Am berüchtigten Mammolshainer Berg, wo einmal mehr tausende Zuschauer für eine begeisternde Atmosphäre sorgten, wurde Tesar dann von Sinkewitz und Voigt eingeholt.
„Es war unglaublich, was da draußen los war, wie viele Zuschauer dort standen“, sagte Veranstalter Bernd Moos-Achenbach, der von über einer Million Zuschauern an der Strecke sprach. „Wir können stolz sein auf den 1. Mai 2006.“